Raus aus der Komfortzone

Ein Gespräch mit Susanne Bier über ZWEITE CHANCE

Was würdest Du tun? Mit dieser Frage konfrontiert Susanne Bier die Zuschauer ihres neuen Dramas ZWEITE CHANCE. In ihrem Film verhandelt die Oscar®-prämierte Regisseurin auf provokante Weise ein moralisches Dilemma und erzählt eine Geschichte, die beklemmend, schockierend und erschütternd, zugleich aber auch hoffnungsvoll ist.

„Wir wollten“, erklärt Susanne Bier, die hier erneut mit ihrem langjährigen Drehbuchautor Anders Thomas Jensen zusammenarbeitete, „dass der Film auf klassische Weise spannend sein sollte, und auf der zweiten Ebene überaus ernst und tiefgründig.“

Schon in der allerersten Szene, wenn wir Anna (Maria Bonnevie), die schöne Frau des Polizisten Andreas (Nikolaj Coster-Waldau), schluchzend auf dem Badezimmerboden liegen sehen, ahnen wir, dass hier etwas falsch gelaufen ist. Und erkennen später, dass Andreas sich mit seinem Verständnis von Moral auseinandersetzen muss. Er hat in der Wohnung eines drogenabhängigen Paares ein Baby entdeckt. Was soll er machen? Und – das ist der Schlüssel der ganzen Geschichte – warum tut er dann, was er tut?

„Das Publikum soll mit etwas sympathisieren, das ganz offensichtlich falsch ist“, sagt Susanne Bier. „Praktisch gesehen, ist es aber gleichzeitig auch richtig. So etwas mag ich, denn so ist das Leben: ausgesprochen kompliziert. Wir wollen nicht erklären, was moralisch richtig und falsch ist, aber Verständnis dafür wecken, warum Menschen Dinge tun, die oft nicht wirklich nachvollziehbar sind.“

Susanne Bier ist nie davor zurückgeschreckt, schmerzhafte Filme zu drehen, und Tragödien, Geschichten zu erzählen, die sich menschlichen Schwächen widmen. ZWEITE CHANCE bietet all dies im Überfluss, ist nicht selten verstörend, sogar grausam. Alles ein Ergebnis von Susanne Biers intensiver Neugierde, die „das Einzige ist, was mich wirklich antreibt“, wie sie zugibt. „Wir beide (sie und Jensen) haben diesen Forscherdrang, wir wollen herausfinden, wie weit wir unsere eigenen Grenzen überschreiten können. Wir konfrontieren uns selbst mit Situationen, die geringfügig brutaler, schonungsloser oder weniger angenehm sind, wie wir es gewohnt sind.“

Dass sie damit manchmal ihr Publikum verstört, ist Bier durchaus bewusst. „Ich möchte aber niemanden schockieren, sondern provozieren oder zum Nachdenken bringen. Und ihnen eine Geschichte erzählen, eine moralische Geschichte. Und die sind nun einmal oft brutal.“

Bier besteht jedoch darauf, dass ZWEITE CHANCE kein brutaler Film ist. „Wann immer auch Brutalität vorkommt, hat das einen Grund. Es ist ein hoffnungsvoller Film, und das rechtfertigt die Brutalität. Was Andreas tut, ist völlig wahnwitzig, aber es verändert etwas.“

Für Susanne Bier ist es jedes Mal eine Herausforderung, nicht zu wissen, wie die Zuschauer auf ihren nächsten Film reagieren. „Natürlich macht mir das Angst, aber wie soll ich mich als Filmemacherin und kreativer Mensch weiterentwickeln, wenn ich mich immer nur in meiner Komfortzone aufhalte? Wie den Respekt vor mir selbst und den der Anderen wahren? Der einzige Weg sich weiterzuentwickeln ist, sich herauszutrauen aus diesen Eingrenzungen. Und damit gleichzeitig auch das Publikum über seine Grenzen hinauszubringen.“

Für die Schauspieler gilt das Gleiche. Auch sie müssen für diesen intensiven Film ihre Komfortzone hinter sich lassen. „Meine wichtigste Aufgabe als Regisseurin sehe ich darin, die Menschlichkeit aller Figuren zu vermitteln.“ Dieses Menschliche kommt durch; ab einem gewissen Punkt ist es sogar möglich, Sympathien zu empfinden für den gewalttätigen Drogenabhängigen Tristan (Nikolaj Lie Kaas). Und bei allem, was Andreas (Nikolaj Coster-Waldau) tut, ist es nahezu unmöglich, ihn nicht zu mögen. „Er ist wahnsinnig attraktiv“, so Bier, „aber ihn umweht etwas Rätselhaftes. Du kaufst ihm komplett ab, dass er perfekt ist und jedes Mal, wenn du ihn ansiehst, ist da auch diese dunkle Seite, die er jederzeit offenbaren kann.“

Auch wenn Susanne Bier sich selbst und die, mit denen sie arbeitet, antreibt, ist es ganz offensichtlich, wie viel Freude sie am Filmemachen hat. „Das ist wie ein intuitiver Trip, auf den ich mich begebe. Ein bisschen so wie bei Kindern, die beim Spielen völlig in ihrer eigenen Welt sind. So etwas als Erwachsener tun zu können, ist ein echtes Privileg.“

Susanne Bier mag nicht wissen, wie das Publikum auf ZWEITE CHANCE reagieren wird, aber sie gibt zu, dass sie schon stolz wäre, wenn es die Leute dazu anregen würde, über bestimmte Dinge nachzudenken. „Filme sind auf ihre Art wie Träume“, sagt sie. „Wenn sich dich in irgendeiner Form packen, haben sie etwas erreicht.“